Sie sind hier

Bücher

Meinst du das wirklich ernst? Eine Geschichte des Umdenkens

Foto: © Geest-Verlag

Nishelle ist verzweifelt – ihre ehemals beste Freundin Anna-Lena hat sich in einen jungen Neonazi verliebt und steigt immer tiefer in die rechtsextreme Szene ihrer kleinen Heimatstadt ein. Bald schon gehört sie fest zu den sogenannten „Wölfen“, einer durchaus gewaltbereiten Gruppe, die nicht nur den Schulalltag an der Realschule stört. Nishelle kann nicht verstehen, wie ihre frühere Vertraute dieses menschenverachtende Gedankengut teilen und sich damit auch gegen sie selbst als Schwarze Deutsche wenden kann. Als Chefredakteurin der Schülerzeitung beginnt sie im Alleingang, über die „Wölfe“ zu recherchieren – bis sie Gegenwehr bekommt…

Rezension von Carmen Altmeyer
 
Die Sozialarbeiterin Christina M. Erdmann widmet sich in ihrem zweiten Jugendroman „Meinst du das wirklich ernst? Eine Geschichte des Umdenkens“ einem schwierigen Thema. Warum nehmen manche Jugendliche rechtsextremes Gedankengut für sich an und organisieren sich mit Gleichgesinnten in gewalttätigen Organisationen? Und was kann konstruktiv und langwirkend gegen solche gefährlichen Prozesse unternommen werden?
Erdmann nimmt nicht für sich in Anspruch, endgültige Antworten auf diese Fragen entwickelt zu haben; stattdessen entwirft sie das komplexes Bild einer Stadt, in der alle mit der gegebenen Situation erst einmal überfordert sind. Die Zehntklässlerin Nishelle führt den Widerstand gegen die Neonazis an und steht so beispielhaft für das Engagement zahlreicher junger Menschen in der Bundesrepublik, die sich in ihrem Einsatz gegen den Rechtsextremismus und für demokratische Werte nicht unterkriegen lassen. Nishelle entwickelt zusammen mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern kreative Strategien, so informieren sie beispielsweise in mehreren Ausgaben der Schülerzeitung über die Symbole und die Ideologie der Neonazis und organisieren ein Schulfest im Zeichen von Zivilcourage. Auch einige Lehrerinnen und Lehrer unterstützen diese Prozesse und tragen dazu bei, dass das Engagement der Schüler durchaus Erfolg zeigt. Allerdings nicht bei Anna-Lena. Nishelle versucht hartnäckig, ihre ehemals beste Freundin umzustimmen, diese ist jedoch viel zu hingerissen von ihrer ersten großen Liebe Benni, um über Nishelles Argumente nachzudenken. Außerdem schenken die „Wölfe“ Anna-Lena Anerkennung und ein Gefühl der Zugehörigkeit, das sie trotz eines harmonischen Familienlebens sucht. Anna-Lena sieht zu ihren neuen Freunden auf und nimmt langsam, aber sicher deren politischen Ansichten an. Auch für die zahlreichen Ratschläge der Älteren ist sie dankbar und richtet ihr Leben zum Entsetzen ihrer antifaschistisch positionierten Eltern danach aus. Anna-Lena fühlt sich in der extrem rechten Szene wohl, genießt die Aufmerksamkeit und macht aus Überzeugung bei immer krasseren Aktionen der „Wölfe“ mit. Wenn es allerdings darum geht, Nishelle und ihrem Engagement gegen Rechts tatsächlich ernsthaft zu schaden, zögert Anna-Lena. Was wird sie tun, wenn das von ihrer Freundin mitorganisierte Schulfest „WIR für Zivilcourage“ stattfindet? Und wird Nishelle dem ständig wachsenden Druck und den immer schlimmeren Ausschreitungen der Gegenseite standhalten können?

„Meinst du das wirklich ernst?“ ist vom Stil her ein Jugendroman, der aber dank seiner Informationsvielfalt und der unaufdringlichen Erzählweise auch ältere Generationen ansprechen kann. Die sorgfältig recherchierten Hintergründe bezüglich der Lebensrealitäten rechtsextremer Jugendlicher sind fantasievoll aufbereitet. Auch die zerrüttete Freundschaft zwischen Anna-Lena und Nishelle wird von der Autorin gut dargestellt und der Verlauf der Beziehung trägt zum Spannungsbogen des Romans bei. Das Einfügen von Artikeln aus der Schülerzeitung und Flugblättern in den Fließtext des Buches sorgt aufgrund der unterschiedlichen Textsorten und Schreibstile für Abwechslung.

Zu kritisieren bleibt der stellenweise unschöne Sprachgebrauch der Autorin. Die Verwendung des „N-Wortes“ ist meiner Ansicht nach definitiv nicht notwendig, auch nicht in Anführungszeichen und als Beispiel für den Sprachgebrauch von Neonazis. Es gibt genug andere Möglichkeiten, diesen so realistisch darzustellen, wie es gewollt ist.

Ich empfehle dieses Buch aufgrund seiner Vielfalt an nützlichen Informationen und der interessanten Handlung nicht nur Jugendlichen, sondern auch Eltern sowie insbesondere Lehrerinnen und Lehrern, die in irgendeiner Art und Weise mit dem Themenkomplex Rechtsextremismus in Kontakt gekommen sind und Anregungen benötigen. Die Strategien, mit denen Nishelle und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter sich gegen die Neonazis zur Wehr setzen, können sicherlich manchen als Inspiration dienen.

Informationen zum Buch:


 
Christina M. Erdmann: Meinst du das wirklich ernst? Eine Geschichte des Umdenkens
Vechta: Geest-Verlag, 2014. ISBN: 978-3-866685-463-5.
Kosten: 12,50€