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Bücher

Die Grafische Reportage „Weisse Wölfe“ auf den Spuren des NSU-Terrors in Dortmund

„Weisse Wölfe" ist bei Correctiv erschienen, 224 Seiten Hardcover, 15 Euro

Bereits 2013 schrieb der Journalist David Schraven über die Dortmunder Neonazi –Szene und ihre Verbindung zum NSU. Nach weiteren Nachforschungen hat der Leiter des Recherchebüros „correct!v“ nun die Grafische Reportage „Weisse Wölfe“ herausgebracht, für die er sich mit dem Illustrator und Comiczeichner Jan Feindt zusammengetan hat.
 
Eine Rezension von Marie Becker
 
Bereits auf den ersten Seiten von „Weisse Wölfe“ wird deutlich, worum es David Schraven geht: Die Ideologie und Struktur aufzuzeigen, die hinter dem rechten Terror des NSU steht. Dreh- und Angelpunkt von „Weisse Wölfe“ ist die Geschichte des Neonazis Albert S. Dabei sind die biografischen Übereinstimmungen mit dem Leben des real existierenden Sebastian Seemann frappierend. Ob es sich bei Albert S. tatsächlich um den zuletzt als V-Mann aufgeflogenen Neonazi aus der militanten rechten Szene Dortmunds handelt, löst Schraven nicht auf. Diese Frage ist für ihn wohl auch nicht relevant: Im Mittelpunkt der Grafischen Reportage steht nicht die Biografie eines bekannten Neonazis, sondern das rechte Milieu, sein ideologisches Fundament und dessen innerdeutsche, europäische und letztlich weltweite Vernetzung.
 
Albert S. als Mensch der Tat
 
Die Grafische Reportage beginnt, als Albert S. sich im Jugendalter der rechten Szene anschließt. Dabei gelingt ihm die Wandlung vom Punk in einen rechten Schläger scheinbar problemlos. Sein Eintritt in die rechte Szene dient vor allem zur Provokation seines Vaters. Wie sehr Albert S.s Handeln rassistisch motiviert ist, fällt dabei etwas unter den Tisch. Dazu passt, dass Albert S. den Lesenden als Mensch der Tat und nicht des ideologischen Wortes vorgestellt wird.  Er ist ein Mensch, der sich vor allem aufgrund seines großen Gefallens an Gewalt- und Hetzorgien zuerst einer Kameradschaft, danach der französische Fremdenlegion und am Ende einer „Combat 18“-Zelle anschließt. Die dazugehörigen Gewaltszenen gestaltet Jan Feindt keinesfalls abschreckend. Die Ausübung von Gewalt wird durchweg als lustvoller und feierlicher Moment inszeniert.


Ausstellungseröffnung "Weisse Wölfe" am 19.02.2015. Foto: © Mut gegen rechte Gewalt

Zu Albert S.s „Combat 18“-Zelle gehört auch der Neonazi Joeri van der P. Joeri ist der Kopf der rechtsextremen Gruppe „Bloed, Bodem, Eer & Trouw“ aus Belgien. Ihre ersten Aktionen bestehen aus Raubüberfällen. Durch den Kontakt zu einem belgischen Offizier kommen sie an Waffen und erhalten Zugang zu den Trainingseinheiten der belgischen Armee. Ihr Ziel: Ein Attentat auf den belgischen Premierminister. Doch bevor es dazu kommen konnte, muss Albert S. seine „Combat 18“-Zelle verlassen. In den Augen seiner Mitstreiter hatte er versagt, als er bei einem Überfall den Ladenbesitzer laufen ließ, anstatt ihn zu erschießen. Albert S. Geschichte endet mit dem Überfall seines Drogengeschäftspartners, des Dortmunders Neonazis Robin Schmiemann, auf einen Supermarkt und mit seinem Auffliegen als V-Mann.
 
Der „führerlose Widerstand“
 
Die Grafische Reportage „Weisse Wölfe“ folgt zwei Erzählsträngen. Zum einen dem des Neonazis Albert S., der seine eigene Lebensgeschichte erzählt. Zum anderen dem des Journalisten David Schraven. Getrennt werden diese Erzählstränge von Passagen aus den sogenannten „Turner Diaries“, einem rassistischen Pamphlet von William L. Pierce, das in der rechten Szene Kultstatus genießt. Dieses Buch ist für David Schraven neben der Musik der Rechtsrockband „Weisse Wölfe“ die entscheidende ideologische und damit auch strukturelle Verbindung zwischen dem NSU-Terror und der gewaltbereiten Dortmunder Neonazi-Szene. Schraven will deutlich machen, dass die NSU-Morde nicht nur von drei durchgeknallten Rechten begangen wurden. Vielmehr gibt er zu bedenken, dass  diese Taten in eine größere Gesamtstruktur von „Combat 18“- Zellen eingebettet waren, die alle dem im Buch von Pierce propagierten „führerlosen Widerstand“ folgen: Gruppen aus vier bis fünf Personen, die durch die Lande ziehen und Menschen im Sinne ihrer rassenideologischen Überzeugung umbringen.
 
Taten statt Worte: Kommunikationsstrukturen rechter Terrorzellen
 
Im Hinblick auf den NSU-Prozess ist vor allem die von Pierce beschriebene Kommunikationsstruktur der Gruppen sowohl nach außen als auch nach innen interessant. So sollen die Taten ohne politisches Bekenntnis geschehen. Die von ihnen zu Feinden erklärten Menschengruppen sollen in Angst und Schrecken versetzt werden, ohne zu wissen woher der Schrecken kommt. Und auch die Verständigung der Gruppen untereinander folgt dem Prinzip „Taten statt Worte“. So herrscht ein menschenverachtender Wettbewerb, bei dem ein Mord oder Anschlag die anderen rechten Terrorzellen zu weiteren Taten herausfordern soll. War auch der Mord an Mehmet Kubaşık eine Aufforderung des NSU an die „Combat 18“-Zelle in Dortmund, eine weitere Tat zu begehen?
 
Warum tötete der NSU in Dortmund?
 
Schraven ist davon überzeugt. Er glaubt, dass es noch weitere rechte Zellen gibt, die sich nach dem „führerlosen Widerstand“ organisiert haben und die weltweit Morde begehen. Zu diesem rechten Netzwerk gehören für ihn auch Einzeltäter wie der Attentäter von Utøya Anders Breivik und der Attentäter von Oklahoma City Timothy McVeigh. Schraven ist auch davon überzeugt, dass der NSU mit seinem Mord an Kubaşık die Neonazi-Szene in Dortmund aufforderte, mitzumachen. Das Brisante an dem gewählten Tatort ist die Lage des Kiosks: Kubaşıks Laden lag zwischen den Kneipen „Deutscher Hof“ und „Thüringer Hof“, genau jene Treffpunkte der militanten Dortmunder Neonazi-Szene. Mit dieser Deutung der Ereignisse steht Schraven nicht alleine da. So fordert auch die Anwältin der Hinterbliebenen von Mehmet Kubaşık, Antonia von der Behrens, dass es nötig sei zu erfahren, wie die Neonazi-Szene in Dortmund den Mord eingeordnet hat: ob sie diese „Kommunikation durch die Tat“ und die Handschrift von „Combat 18“ verstand.
 
Das Spielen mit rechter Ästhetik
 
In David Schravens Grafischer Reportage „Weisse Wölfe“ gibt es viele Ansätze, die die Trio-Theorie widerlegen, eine genaue Aufschlüsselung der Verbindung zwischen dem NSU und der Dortmunder Neonazi-Szene lassen sich jedoch nicht finden. Die Personen und Ereignisse, die eigentlich für die Verbindung zum NSU relevant sind, tauchen nur am Rande auf. David Schraven betonte in diesem Zusammenhang gegenüber Deutschlandradio Kultur, dass es ihm besonders wichtig sei, junge Leute mit seinem Buch zu erreichen und ihnen zu zeigen, was sich in den Köpfen von Neonazis abspielt. Das wird auch der Grund gewesen sein, warum sich Schraven und Feindt dafür entschieden haben, mit einer rechtsextremen Ästhetik in der Darstellung der Figuren zu spielen. Die Perspektive von Albert S. wird dadurch kaum aufgebrochen. Die Sichtweise der Opfer wird kaum thematisiert. Auch die aktive Rolle von Frauen in der militanten rechten Szene wird nur gestreift. Für Albert S. sind sie vor allem Sexpartnerinnen und auf diese Rolle bleiben sie in „Weisse Wölfe“ reduziert.


Ausschnitt aus der Grafischen Reportage "Weisse Wölfe". Foto: © correctiv
 
Quellenschutz vor Aufklärung einer Straftat
 
Das Verdienst dieses Buches liegt vor allem darin, die Punkte im NSU-Komplex zu thematisieren, die bisher im Münchener Gerichtssaal nicht näher untersucht wurden. Dazu gehört nicht nur die Vermutung, dass der NSU einen viel größeren Unterstützerkreis hatte, als die bisher 129 Personen, von denen das Bundeskriminalamt derzeit ausgeht. Auch die fragwürdige Rolle des Verfassungsschutzes greift Schraven in seiner Grafischen Reportage auf. So konterkariert er die beschwichtigenden Aussagen des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes zu den angeblich nur aufgebauschten Aktivitäten der „Blood & Honour“-Szene mit den Erzählungen seines Informanten Albert S. Noch deutlicher wird Schraven im Hinblick auf den sächsischen Verfassungsschutz: „Bevor Beate Zschäpe vom NSU den Unterschlupf des Mördertrios in die Luft jagte, erhielt sie etliche Anrufe aus dem sächsischen Innenministerium. Das weiss keiner. Und die, die es wissen, halten den Mund.“ Der NSU-Prozess und die verschiedenen parlamentarischen Untersuchungsausschüsse zum NSU wurden von Beginn an von solchen kleineren und größeren V-Mann-Skandalen durchzogen. Und bis heute scheint in den Reihen der Verfassungsschützer die Devise zu gelten: Quellenschutz vor Strafverfolgung. David Schravens Grafische Reportage lässt sich daher auch als Aufruf verstehen nicht nur bisher ungeklärte Anschläge und Morde auf den Hintergrund des NSU neu zu justieren, sondern auch die Rolle des Verfassungsschutzes noch stärker als bisher zu problematisieren.
 

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