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Praxistipps

Vorurteil: "Wir können doch nicht die ganze Welt aufnehmen"

Nach Angaben des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge UNHCR sind Ende 2014 weltweit 59,5 Millionen Menschen auf der Flucht, so viele wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Davon haben fast zwei Drittel - 38,2 Mio. Menschen - nicht einmal die eigenen Staatsgrenzen überwunden. Die allerwenigsten Flüchtlinge schaffen es nach Europa - weil sie in der Region bleiben wollen und auf baldige Rückkehrchancen hoffen, oder weil sie schlicht keine Möglichkeit haben hierherzukommen. 86 % der Flüchtlinge weltweit leben in Entwicklungsländern. Eine Flucht hierher ist teuer und gefährlich; zudem droht sie immer zu scheitern, denn legale Wege nach Europa gibt es so gut wie nicht. Im Laufe des Jahres 2014 wurden fast 14 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Wie viele kamen im gleichen Jahr als Asylsuchende in den europäischen Staaten an? 714.000 Menschen, das sind umgerechnet gerade einmal fünf Prozent.

Fast immer sind es die Nachbarstaaten von Krisenländern, die in kurzer Zeit Hunderttausende von Flüchtlingen aufnehmen müssen - wie im Falle Syriens: Über vier Millionen Menschen sind in die Nachbarländer geflohen. Allein in der Türkei leben 1,8 Millionen von ihnen. Im kleinen Libanon stellen syrische Flüchtlinge mit über einer Million Menschen mehr als ein Viertel der Bevölkerung. In Syrien selbst gibt es rund acht Millionen Binnenvertriebene.

Beispiel Afghanistan: Seit über 30 Jahren fliehen Menschen von dort, sie stellen die weltweit größte Flüchtlingsgruppe. Aktuell gibt es laut UNHCR rund 2,6 Millionen afghanische Flüchtlinge, von denen 95 % in Pakistan und im Iran leben. Die drittgrößte Flüchtlingsgruppe - rund zwei Millionen Flüchtlinge - kommt aus Somalia: Die Hälfte von ihnen lebt vertrieben innerhalb des Landes, die andere Hälfte vor allem in Nachbarstaaten wie Kenia: Allein im Flüchtlingslager Dadaab leben Hunderttausende Menschen unter prekären Lebensumständen in der Wüste, ohne Chance, jemals von dort wegzukommen.

Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei den Asylgesuchen seit 2012 an der Spitze. Setzt man aber die Zahl der Asylanträge ins Verhältnis zur Einwohnerzahl, relativiert sich der Eindruck: 2014 lagen Schweden, Ungarn, Österreich, Malta, die Schweiz und Dänemark in dieser Rangliste vorne. Zudem war in Deutschland viele Jahre lang zuvor - seit 1993 - die Asylantragszahl gesunken. 2007 markierten 20.000 Asylanträge einen historischen Tiefstand. Flüchtlingsbewegungen sind vor allem eine Folge von Krisen und Kriegen. Mit längerfristigen Schwankungen ist immer zu rechnen.

Quellen:
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2014): "Das Bundesamt in Zahlen"
UNHCR (2013): "Global Trends 2012. Displacement. The new 21st Century Challenge"

UNHCR (2013): "Asylum Trends 2012. Levels and Trends in Industrialized Countries"
UNHCR, http://data.unhcr.org/syrianrefugees/regional.php, Stand 30.10.2013.

 
„Pro Menschenrechte. Contra Vorurteile“ räumt in kurzer Form mit den gängigsten Vorurteilen gegen Flüchtlinge auf.