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Reportagen

Sich im eigenen Land nicht frei bewegen können

Auf der Autobahn © Last Hero @ flickr.com (CC BY-SA 2.0), bearb. MUT

Meine Angst ist schwer greifbar. Ich weiß, wie unfair sie Thüringen gegenüber ist und wie nachsichtig gegenüber Solingen, Dortmund und Köln. Der Osten Deutschlands ist unbekanntes Land. Er ist mir so fremd, wie ich ihm.

Von Sami Omar, zuerst erschienen auf  MiGAZIN.

Ich bin deutsch. Ich habe braune Haut. Doch, das geht. Sie werden das so hinnehmen müssen. Als ich deutsch wurde, war Helmut Schmidt Bundeskanzler. Als Helmut Kohl übernahm, war ich es längst. Ich war deutsch, als die Münchner Freiheit „Ohne dich“ sang, als Mathias Rust auf dem Roten Platz landete und bei allen Familienreisen in die DDR. Ich war deutsch als 1989 die Berliner Mauer fiel und während der rassistischen Ausschreitungen 1991 in Hoyerswerda. Ich war und blieb deutsch als Dieter Bohlen 400.000 Exemplare seiner Biografie in 14 Tagen verkaufte.

Und doch kann ich mich in diesem Land, meiner Heimat, nicht frei bewegen. Hier in Köln fällt mir das nie auf. Zwar wurden in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2014 exakt 3.286 rechts motivierte Straftaten registriert. Darunter 370 Gewaltdelikte, davon sechs Branddelikte und 332 Körperverletzungen. Aber in meiner Nachbarschaft zwischen DM und Alnatura will einfach keine rechte Furcht in mir aufsteigen.

Das ändert sich erst jetzt. Schuld ist ein kleiner Ort in Thüringen an der Grenze zu Sachsen im Altenburger Land. Ich muss dort hin. Eine Familienangelegenheit. Es ist schön dort. Es gibt Schafe und Hunde, Auslauf für die Kinder. Und Nazis. Ich habe Angst. Ich sehe Fern und lese Zeitung. Ich war noch nie im Altenburger Land und doch bin ich mir sicher, mich in eine Gefahrenzone zu begeben. Ich habe mir Schreckschusspistolen im Internet angesehen. Ich erkenne keinen Unterschied zu echten Pistolen, weil ich noch nie eine echte Waffe in der Hand hatte. Überhaupt stört mich der Gedanke, eine Pistole zu besitzen. Sicher würden unsere Kinder sie finden und ich müsste das dann noch vor dem nächsten Kindergottesdienst rechtfertigen.

Im Jahr 2014 wurden im Freistaat Thüringen 1.060 Fälle politisch motivierter Kriminalität von rechts erfasst. Ein Großteil hiervon (790) waren Propagandadelikte. Bei 100 Fällen handelt es sich um Gewaltdelikte von der Backpfeife bis zu Brandanschlag und Mord. Natürlich gibt es auch von anderen Seiten politisch motivierte Kriminalität in Thüringen. Im selben Jahr waren es 303 Fälle von links und 12 Fälle sogenannter Ausländerkriminalität. Die restlichen 312 Fälle waren politisch „nicht zuzuordnen“. Insgesamt stieg die Anzahl der Fälle um fast neunzehn Prozent. Wer in den letzten Monaten die Nachrichten verfolgt hat, kann für 2015 keinen Rückgang erwarten.

Meine Angst zeigt sich in Bildern von Naziaufmärschen in Innenstädten und Reichskriegsflaggen in Schrebergärten, die mir in den Sinn kommen. Bilder von „White Power“- Flaggen und Prügeleien. Es sind Bilder aus meiner Kindheit in der schwäbischen Vorstadt darunter. Kleine und größere Gemeinheiten. Jährlich wiederkehrende Mahnungen meiner Mutter am 20. April vor Anbruch der Dunkelheit vom Bolzplatz nach Hause zu kommen. Es sind Bilder brennender Unterkünfte Asylsuchender aus den Abendnachrichten. Es sind Reportagen, in denen Bilder von Udo Voigt mit dunkel aufbrausender Musik unterlegt sind. Es sind Bilder von Helmut Kohl und Klaus Kinkel dabei, wie sie im Fernsehen Dinge über Nazis sagen, die wie Rechtfertigungen klingen.

Meine Angst ist schwer greifbar. Ich weiß, wie unfair sie Thüringen gegenüber ist und wie nachsichtig gegenüber Solingen, Dortmund und Köln.

Der Osten Deutschlands ist unbekanntes Land. Er ist mir so fremd, wie ich ihm. Und wie alles Fremde lässt er schrecklich viel Raum für all meine Ängste. Ich muss mir das verdeutlichen. Es gibt asiatische Leute in Weißenfels, die einen Imbiss betreiben. Ich vermute, sie sind freie Menschen. Sie könnten das woanders tun. Im Westen zum Beispiel. Ich muss diese Reise machen. Ich muss bei Leipzig einen Döner essen und abends spazieren gehen. Ich muss meinen Kindern zeigen, dass sie in ganz Deutschland zu Hause sind.

Und doch frage ich mich, ob das alles wirklich lohnt. Habe ich hier in Nordrhein-Westfalen nicht genug zu tun mit der Abwehr von kleinen Attacken auf mein Selbstbild als Deutscher oder der Selbstverständlichkeit, mit der ich auf Englisch oder Französisch angesprochen werde – pure Ironie, denn wäre ich Franzose oder Brite, zählte ich den meisten nicht als Ausländer? Es kostet genug Kraft, hier zu Hause höflich zu bleiben, wenn das gute Deutsch meiner Kinder gelobt wird. Ich bin Logopäde, sage ich manchmal, um die Verwirrung zu vervollständigen.

Warum also Ostdeutschland? Warum muss ich mich mit ihm versöhnen? Fehlt mir denn ein Ort wie Wernigerode? Nein! Doch seit 1990 gehört er zu Deutschland. Und wenn Deutschland wirklich meine Heimat ist, kann ich nicht zulassen, dass für mich weniger Reisefreiheit besteht, als für jeden anderen Deutschen. Ich kann mir kein Recht versagen, auf das jeder Asylsuchende mit einer Duldung bis zum Januar 2015 sehnsüchtig gewartet hat.

Unsere Reise beginnt an einem Freitag. Auf der A4 schieben sich Autos durch verregnetes Land. Ich herrsche die Kinder an. Sie haben längst verstanden, dass mit mir heute nicht zu scherzen ist. Die Nacht zuvor war kurz und unruhig. Thüringen rüttelte im Schlaf an mir. Auf der Höhe der ehemaligen innerdeutschen Grenze machen wir derbe Scherze über Ostdeutschland. Wir erheben uns über seine Bürger. Es tut mir gut. In den letzten Tagen habe ich mich völlig auf eine Zahl versteift. Sie lautet zweiundvierzig. So viel Prozent der Thüringer Bürger waren im Jahr 2013 laut einer Umfrage der Überzeugung, ihr Land sei von Ausländern übervölkert. Ich gebe mir Mühe an die anderen 58 Prozent zu denken. Doch je näher wir unserem Ziel kommen, je dünner das Land besiedelt, je ferner die Stadt, desto größer wird meine Anspannung. Nun herrscht stille im Auto. Nur die Kinder streiten noch leise um die nächste Runde Angry Birds.

Der Hof, auf dem wir das Wochenende verbringen liegt im Zentrum einer kleinen Gemeinde. Hier ist kein Krämer, keine Post und kein Getränkemarkt. Das alles gab es einst, wird uns erzählt. Doch nun fahre man in einen nahen Ort, um einzukaufen. Als der Ortsname fällt, erinnere ich mich, ihn schon zuvor gelesen zu haben. Er ist die Heimat einiger Größen des Thüringer Heimatschutzes (THS). Cheforganisator des THS war einst Tino Brandt, der heute als treuer Bote und Gehilfe des NSU-Trios gilt. Der Thüringer Heimatschutz macht mich vergessen, was ich mir vorgenommen habe: Menschen begegnen. Frei sein. Zu unser aller Sicherheit trenne ich unsere Familie in zwei Gruppen auf. Die eine ist hellhäutig. Sie erledigt die Einkäufe und erkundet die Landschaft um uns. Die andere ist dunkelhäutig und hütet den Hof – bis zu unserer Abreise.

Über den Autor:
Sami Omar, Jahrgang 1978, wurde im Sudan geboren. Also Sohn eritreischen Eltern kam er 1980 in das schwäbische Ulm/Donau. Hier wuchs er als Kind deutscher Pfarrleute und Bruder von fünf Geschwistern auf. Seine erste literarische Veröffentlichung erschien im Jahr 2001 in der Badischen Zeitung. Seither schreibt er Kurzgeschichten, Lyrik und Liedtexte. Sami Omar ist gelernter Sprachtherapeut und arbeitet als Sprecher. Sein erstes Buch, "Ich bin kein Luftballon" erschien im Jahr 2008, es folgten zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. Mit seinen abendfüllenden Bühnenprogrammen tritt Sami Omar seit 2005 auf.

Foto: © Last Hero @ flickr.com (CC BY-SA 2.0), bearb. MUT